StarCraft: Remastered – Launch

Als im Jahre 1998 StarCraft und wenig später StarCraft: Broodwar das Licht der Welt erblickten, hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass es 19 Jahre später eine nur leicht modifizierte Version des RTS-Klassikers versuchen würde, den Siegeszug des Franchise weiter fortzuführen. Aber dennoch hatten sich am gestrigen Abend mehr als 30.000 Zuschauer zusammen gefunden, um gemeinsam mit den Broodwar-Veteranen rund um Sean Day[9] Plott den Lauch von StarCraft: Remastered zu feiern. Das zweitägige Event soll vor allem den zahlreichen Neulingen, die teils stark veralteten Broodwar-Mechaniken näher bringen und die alten Hasen in liebgewonnenen Erinnerungen schwelgen lassen. So erinnerte die Atmosphäre im Studio gestern auch eher an ein Klassentreffen, als den Launch eines neuen eSport-Titels.

 

Back to the Roots

Die spannendste Frage wird sein, wie die große Maße der Gelegenheitsspieler auf das in die Jahre gekommene Gameplay reagieren wird. Erklärtes Ziel des Blizzard Development Teams war stets, möglichst nah am Original zu bleiben. Die Änderungen sind daher fast ausschließlich kosmetischer Natur. Für die Kenner des Klassikers sind vor allem die neuen Sounds sowie die aufpolierte Optik die größten Neuerungen, alle die erstmals den Koprulu-Sektor bereisen, erwartet lediglich eine sehr minimalistische Grafik. Am Gameplay selbst wurde nichts verändert – Pathing der Einheiten, unveränderliche Hotkeys, minimale Einheitenauswahl. Alles wie es immer schon war und so wie es die harte Kern gewöhnt ist. Denn genau diese Zielgruppe soll das Remake schließlich auch ansprechen. Aus Nostalgiegründen, durch Werbung oder schlicht weil es sich um einen Blizzard-Titel handelt, werden sicherlich auch andere Personen zur Kreditkarte greifen, im Kern stehen aber die Spieler, die dem Original auch in den Zeiten des Nachfolgers treu geblieben sind.

 

Kannibalisierung der Szene

Seien wir ehrlich, die letzten Jahre waren nicht leicht für Anhänger guter RTS-Titel. Nicht nur, dass andere Titel und Genres die Spitzenposition von Starcraft im eSport bereits vor Jahren abgelaufen haben. Auch findet sich für den Gelegenheitsspieler in den letzten Jahren kaum ein Titel, der dem Platzhirsch den Rang ablaufen könnte. So stellt sich die berechtigte Frage, welche Auswirkungen die Renaissance eines Genre-Klassikers auf die aktuelle eSport-Szene haben wird? Obwohl Starcraft 2 in den letzten Jahren immer wieder der Tod nachgesagt worden ist, ist es scheinbar nicht ganz tot zu kriegen. Die Szene hat mittlerweile einige große Brüche überlebt. Vom einstigen Twitch-Liebling und Headliner einer jeden größeren, internationalen LAN, gingen Interesse und Viewerzahlen – trotz neuer Erweiterungen – immer weiter nach unten. Das Ende der Proleague im letzten Jahr hat der breiten koreanischen Szene einen mächtigen Dämpfer verpasst und dennoch kann man immer noch von einer (zumindest im Westen) robusten Szene sprechen. Auch was die “Unterstützung” seitens Blizzard angeht, werden weiterhin Jahr für Jahr etliche Dollar in den RTS-Primus gesteckt. Welche Auswirkungen kann also das Wiedererwachen des großen Bruder haben?

Insgesamt wohl keinen allzu Großen. die Szene ist zu gefestigt, als das ein komplett anderes Spiel aus dem gleichen Franchise Starcraft 2 den Rang ablaufen kann. Hauptgründe sind vor allem die bereits in den letzten Jahren getrennten Szenen – wer in den letzten Jahren Broodwar spielen mochte, konnte dies nach Lust und Laune tun, ob eine etwas schickere Grafik, also einen relevanten Teil der Szene zum Klassiker zieht, ist mehr als fraglich.

 

Renaissance oder Cashcow?

Das SC:R für Blizzard ein einträgliches Geschäft werden wird, steht außer Frage. Obwohl der Entwickler aus Irvine bisher keine Vorverkaufszahlen veröffentlicht hat, wird sich der Aufwand durchaus gelohnt haben. Welche Ziele man mittelfristig verfolgt ist aktuell jedoch nicht ersichtlich. Bevor wir einen Blick in die Glaskugel werfen und uns an eine Vorhersage wagen, hier einige Punkte, die für den Erfolg eine entscheidende Rolle spielen werden.

eSport- und Turnierszene: Ein konstanter Geldzufluss von außen, ist in der Regel die einfachste Variante einen eSport-Titel das Überleben zu schenken – bestes Beispiel: Heroes of the Storm, das fast seit Release am Beatmungsgerät von Blizzard hängt. Aktuell sieht es nicht so aus, als ob sich im Westen eine neue Turnierszene entwickeln könnte. Es wird dennoch interessant sein zu beobachten, ob sich seitens der Community etwas in diese Richtung tut. Erste zaghafte Ankündingen hat man bereits aus der SC2-Szene verlauten hören.

Community-Streamer: Ob ein ernsthaftes, langfristiges Interesse bestehen wird, lässt sich wohl auch an den Aktivität der Community-Größen des SC2-Universums ableiten. Können (und wollen) Nathanias, RotterdaM, iNcontroL & Co. genug Aufmerksamkeit erzeugen, um ein Fortbestehen von SC:R zu sichern? Gerade im Hinblick darauf, dass die Vollzeit-Streamer ein reges Interesse haben, ihr Stammpublikum bei Laune zu halten.

Externe Ressourcen: In den ersten Wochen und Monaten werden auch StarCraft-fremde Streamer auf den Hypetrain aufspringen und sich in Kampagne und Multiplayer versuchen, ob dies zu langfristigem Zuwachs führen wird, darf aber durchaus bezweifelt werden.

Sonderfall Korea: Die bisherigen Faktoren beziehen sich fast ausschließlich auf die Foreigner-Szene, dass Korea eine Sonderposition einnimmt bedarf eigentlich kaum noch einer Erklärung – Starcraft Broodwar als soziales Phänomen Anfang der 2000er, PC-Bangs und Teamhäuser haben die Starcraft-Landschaft in einer unvergleichlichen Weise geprägt. Um wieder eine relevante Rolle in den LAN-Cafés in Seoul und Busan zu spielen, kann realistisch betrachtet nur eine Institution wie die Proleague ein Wiederaufleben möglich machen. Doch selbst diese würde in der aktuellen Situation nur zu einem Schaulaufen der alten Garde avancieren, da die einstige Elite zum Streamer avancierte oder längst die Maus an den Nagel gehangen hat. Grundstein für einen langfristigen Erfolg sind nachkommende Generationen, die statt zu LoL und Overwatch zu SC:R greifen. Eine solche Entwicklung lässt sich aktuell aber nicht verzeichnen.

 

Wettervorhersage

Wie wird also die Großwetterlage im Starcraft-Universum in den nächsten 6 Monaten (1 Jahr) aussehen? Meiner Meinung nach wird sich der erste Hype-Sturm bereits nach wenigen Wochen verzogen haben und einen guten Blick auf die “echte” Szene zulassen. Die erste Zeit wird von einem Hoch an Community-Figuren aller Couleur geprägt sein, vereinzelt wird das ein oder andere Turnier mit warmem Preisgeldregen über die Lande streifen, doch werden diese, vor allem in der zweiten Jahreshälfte eher die Ausnahmen darstellen. Einzig die Einflüsse aus Korea sind aktuell noch unberechenbar und sollten gut im Auge behalten werden.

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Eine Antwort

  1. 21/11/2017

    […] Zeitpunkt, um einen ersten Blick zurück zu werfen und ein Fazit der letzten Monate zu ziehen. Im Beitrag zum SC:R-Launch finden sich gegen Ende auch einige Vorhersagen wieder, die ich nochmals aufgreifen […]

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