Road to London: FACEIT Major: 2018 – Turnierformat

In Deutschland sind es über 32 Grad, ein Großteil der Bevölkerung versteckt sich hinter Klimaanlagen oder steht auf den Autobahnen – in den noch heißeren Süden – auf vielen Kilometern im Stau. Aber auch nicht nur der normale Bürger hat Urlaub, sondern auch die Counter-Strike-Elite nimmt sich ein paar Wochen Auszeit, bevor es mit den ZOTAC CUP Masters und der DreamHack Stockholm gegen Ende August wieder weiter geht. Abgesehen von einer kürzlich beendeten IEM Shanghai, der man aus genannten Gründen keine weitere Aufmerksamkeit schenken musste, gibt es kaum ein Wort zur Coverage von Events zu verlieren. Wenn ihr also mich fragt, der ideale Zeitpunkt den Blick nach vorne zu richten und den Startschuss für das nächste Major zu geben.

Da die Line-ups für das Major noch nicht hundertprozentig sicher sind und eine finale Favoritenliste wohl erst nach den DreamHack Masters ihre Gültigkeit erhält, schauen wir doch einfach mal auf einen Aspekt, der erst seit einigen Tagen feststeht und für einigen Gesprächsstoff gesorgt hat.

Turnierformat – FACEIT MAJOR: London 2018

Auf den ersten Blick verändert sich zum letzten MAJOR in Boston gar nicht so viel. Sowohl für die Challengers Stage, als auch die Legends Stage wird wieder ein Swiss System verwendet. Im Kern bedeutet dass, ein Team braucht drei Siege um sich für die nächste Runde zu qualifizieren. Muss sich ein Team dreimal geschlagen geben, ist es aus dem Turnier ausgeschieden. Ergo muss nach maximal fünf Spielen eine Entscheidung gefunden sein. Die Neuerung in London ist, dass ab der dritten Partie ein besonders Seeding für die Matches benutzt wird. Das Buchholz-System. Die fünfte Partie wird von nun an auch als Bo3 statt wie bisher im Bo1 abgehalten. Es wird also drei “richtige” Finalpartien um die Legends-Stage bzw. die Playoffs geben. Bevor wir uns aber mit den Vor- und Nachteilen des neuen Systems beschäftigen und schauen, ob es vielleicht noch Luft nach oben gibt – eine kleine Zeitreise durch die Geschichte der verwendeten Turnierformate in CS 1.5, CS 1.6 und CS:GO.

CPL, ESWC, WCG & Co.

Schaut man in die Frühzeit der großen Counter-Strike-Turniere zurück, kommt man an drei Namen nicht vorbei: CPL, WCG und ESWC. Während die Cyberathlete Professional League in ihren Hochzeiten die Turniere mit einem Double-Elimination-System veranstaltete, gab es bei den World Cyber Games und den Electronic Sports World Championship schon seit Beginn eine Gruppenphase inkl. einem Single-Elimination-Bracket für die letzten 8 bzw. 16 Teams.

Was aus heutiger Sicht die größte Überraschung sein sollte, die Matches wurden damals im Bo1 MR12-Modus ausgetragen, man spielte also pro Hälfte höchstens zwölf Runden. Dazu kam noch, dass es keine Möglichkeit gab, die Maps zu wählen, denn in jeder Runde des Turniers gab es eine vorher festgelegte Map. Alle Partien der zweiten Runde des Lower Bracket wurden also beispielsweise auf de_nuke ausgetragen. Für mögliche Fehltritte gab es also wenig Spielraum und Favoritenstreben gehörte damals einfach dazu.

Auch wenn es für den Durchschnittszuschauer sicher spannend ist bei jeder Map mitfiebern zu können, wer wohl als nächstes rausfliegt, ist es beiden heutigen Preisgeldern und dem “Event” MAJOR natürlich sinnvoll, dass den Favoriten ein faires System zur Verfügung gestellt wird.

Als großer Freund von Spektakel, fände ich es aber toll, wenn wir in den nächsten Jahren einmal ein Turnier hätten, bei dem es lediglich ein Single-Elimination-Bracket gäbe (idealerweise Bo5 oder mindestens Bo3) mit dem kompletten Preisgeld allein für den Sieger. Ähnlich der IEM Season VIII – World Championship in StarCraft 2. Das Turnier hatte damals 16 Teilnehmer und der schlussendliche Sieger sOs durfte die $ 100.000 für Platz 1 einstreichen, der Zweitplatzierte Protoss herO ging komplett leer aus. Wir hatten mit dem ELEAGUE Clash for Cash zwar bereits in CS:GO ein ähnliches Showmatch, jedoch war dies lediglich eine Partie.

CS:GO MAJORS

Seit dem ersten MAJOR im November 2013 sind fast fünf Jahre vergangen. Auch das Format hat sich in den vergangenen zwölf Turnieren deutlich verändert. Bei der DreamHack Winter 2013 waren insgesamt 16 Teams angetreten, die innerhalb von drei Tagen einen Sieger ermitteln mussten. Genutzt wurde dafür ein GSL-Gruppensystem mit Bo1-Matches und ein Single-Elimination Bracket (alle Matches Bo3). Dieses System blieb auch die nächsten vier Turniere erhalten und so wurden die ESL Major Series One in Katowice, die ESL One: Cologne, die DreamHack Winter (alle 2014) und die ESL One: Katowice 2015 nach diesem Format ausgespielt.

NiP bei den Majors: In den ersten fünf MAJORS stand das Team immer im Finale, konnte aber nur bei der ESL One: Cologne 2014 den Titel gewinnen

Die erste Änderung gab es bei der ESL One: Cologne 2015. Denn hier kam ein recht ungewöhnliches System zum Einsatz. Das Turnier begann mit einer Gruppenphase, die nur den Gewinner der Gruppe ermittelte. Pro Gruppe gab es also drei Partien, zwei Auftaktmatches und ein Spiel um den Einzug ins Viertelfinale – letztere fand zwischen den beiden Gewinnern der Auftaktpartien statt.

Der Sieger dieser Gruppe zog direkt in die Playoffs ein, während alle drei anderen Teams in eine zweite Gruppenphase gesteckt wurden. Pro Gruppe spielten dann ein Team, dass ein Winner-Bracket-Finale der ersten Gruppenphase verloren hatte sowie zwei Teams, die gleich das erste Match verloren hatten.

Diese zweite Gruppenphase bestand dann auch nur aus zwei Spielen, einmal der Partie zwischen den Teams, die ihr Auftaktmatch verloren hatten sowie im zweiten Spiel dem Gewinner der besagten ersten Partie und den Verlierer des Winner-Bracket-Finale der ersten Gruppenphase.
Grundsätzlich wurde also ebenfalls ein GSL-System benutzt, nur dass nach den ersten drei Partien neu geseedet wurde. Kompliziert und unnötig. Die Playoffs waren dann wieder klassisch: Single-Elimination Bo3.

Das nächste MAJOR – die DreamHack Open Cluj-Napoca 2015, kehrte dann wieder zum klassischen GSL-System zurück. Mit der Neuerung, dass das letzte Match der Gruppenphase nun im Bo3 statt wie bisher im Bo1 ausgetragen wurde. Eine Entscheidung, die durchweg positive Resonanz erhielt. Möglich machte dies auch eine Verlängerung der genutzten Tage. Während die DreamHacks bisher in drei Tagen über die Bühne gebracht wurden, nahm sich die ESL mit ihre Majors gleich vier Tage Zeit. Cluj-Napoca war das erste Event, dass mit fünf Spieltagen fast eine ganze Woche andauerte.

Sprung über den Großen Teich
2016 begann mit zwei Neuerungen. Zum einen wurde mit der MLG Major Championship: Columbus 2016 das erste mal ein MAJOR außerhalb von Europa ausgetragen und zum anderen, war es das erste MAJOR mit einem Preisgeld von $1.000.000. Das Turnierformat behielt man bei, verlängerte aber um einen weiteren Tag auf nun insgesamt sechs.

Mit der ESL One: Cologne 2016 zurück in Europa änderte sich aber nur der Kontinent. Die nächsten wirklichen Änderungen sollte es erst mit dem ELEAGUE MAJOR: Atlanta 2017 geben. Denn hier wurde erstmalig das Swiss System in der Gruppenphase verwendet. Die PGL Krakow und das ELEAGUE Boston: Major 2018 griffen ebenfalls auf dieses System zurück.

Buchholz-System
Das Swiss System hat sich über die letzten drei MAJORS nicht nur Freunde gemacht, denn einige große und bekannte Teams musste bereits in der Gruppenphase die Koffer packen. Auf der anderen Seite gab es Eintagsfliegen die Möglichkeit sich den begehrten LEGENDS Status zu sichern (siehe Quantum Bellator Fire beim letzten Major). Eine Änderung am Format bedeutet aus meiner Sicht immer auch, dass man zu der Erkenntnis gekommen ist, dass etwas fehlerbehaftet oder sagen wir nicht optimal ist. An dieser Stelle muss aber unter der Natur der Änderungen unterschieden werden, natürlich wäre es ideal schon das Swiss System im Bo5 auszutragen, dies ist aber aus logistischen und monetären Gründen wohl schwer bis unmöglich umzusetzen.

In unserem Fall – bei dem sich an der Anzahl der Partien oder der Tage nichts änderte – darf die Frage gestellt werden: Ist das die optimale Lösungen? Denn falls sich an der Anzahl oder der Verteilung der Spiele nichts ändert, gibt es keinen Grund sich nicht mit der perfekten Lösungen zufrieden zu geben. Ich persönlich habe an dieser Stelle doch deutliche Bedenken, dass das Buchholz System die optimale Lösung ist.

Probleme von Buchholz
Das genannte System erspart uns die zufällige Auslosung der Partien ab der dritten Runde des Swiss System. Grundsätzlich keine schlechte Angelegenheit, wenn man davon ausgeht, dass in den ersten beiden Matches kein Upsets stattgefunden haben. Sollten sich diese ereignet haben, führt es die ursprüngliche gute Idee ad absurdum. Grundsätzlich ist die Grundgesamtheit der Spiele einfach zu gering, um ein vernünftiges Ergebnis abzuliefern. Weiterer Schwachpunkt, der mit Buchholz aber wenig zu tun hat, ist das Seeding der ersten Partien, bei denen die Playoff-Teams des letzten Major auf die Challenger von diesem Jahr treffen. Das kann im Fall des FACEIT Turnier in London bedeuten, dass Winstrike (das ehemalige QB Fire) auf Astralis trifft oder ein völlig anderes Cloud9 gegen Team Liquid antreten muss. Das in einem solchen Fall die LEGENDS nicht unbedingt die Favoritenrolle übernehmen dürfen, sollte klar sein.

Ein weiteres Problem der aktuellen Vorgehensweise ist es, dass ein klares Seeding vor dem Event, klare Vorzüge mit sich bringt. Auf welche Punkten das Seeding beruht und ob eventuell ein Faktor für Aktualität hinzugezogen wird, ist vorerst zweitrangig. Solange die Turnierergebnisse der letzten Monate in Betracht gezogen werden, können die Topteams der Szene klar ausgemacht werden. Dies ist für mich der wichtigste Punkte eines “fairen” Seedings. Es wird wohl unmöglich sein eine klare Rangliste zu erstellen, aber die Teams in Skillgruppen à vier Mannschaften zu stecken, würde den Prozess deutlich vereinfachen.

Und wenn man am Ende nun doch unbedingt die Buchholz-Wertung in das System einfließen lassen will, kann man die Buchholz-Zahl für die Paarungen der Viertelfinale zu Hilfe ziehen. Ein solches System sorgt zum einen für eine faire Ausgangsbasis zum Start des Turniers und geht gleichzeitig auf die Aktualität der Geschehnisse während des Turniers ein. Gutes System, oder?

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1 Antwort

  1. 11/09/2018

    […] Bevor wir uns aber an die Vorhersagen machen, ein kurzer Überblick zu den anwesenden Teams. Im letzten Artikel zum Thema Major war leider noch nicht ganz klar, welche Teams in welcher Konstellation […]

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