Warum Astralis nicht für das beste Team der CS:GO-Geschichte gehalten wird

Dieser Text ist Teil eines Artikels, der im Sommer 2018 entstanden ist, aber aufgrund diverser Gründe nie das Licht der Welt erblickte. Einige Aspekte finde ich aber ehrlich gesagt sehr interessant und haben durch die Geschehnisse der letzten Monate durchaus weiterhin Relevanz.

Viel wurde in den letzten Jahren über Astralis geschrieben. Zu Zeiten von TSM und später unter dem Astralis-Banner wurde davon gesprochen, dass man nicht gewinnen könne und in den wichtigen Partien und Momenten, anders als es die Vorstellung von Nordlichtern vermuten ließe, keinen kühlen Kopf bewahre. Später dann rankten sich die Diskussionen um Superstar dev1ce, der sich aufmachte den CS:GO-Zenit zu erklimmen und ein mTw.dk der Neuzeit zu schaffen.  

2017 war dann vom Sieg beim Major in Atlanta die Rede, das gleich in doppelter Hinsicht einen Generationenwechsel aufzeigte. Denn schon wenige Monate später, startete der lange und schmerzliche Abstieg des damaligen Finalgegners Virtus.pro. Die Dänen hingegen zeigten Durchhaltevermögen und durften – damals noch mit kjaerbye im Line-up – das ganze Jahr zum Kreis der Titelanwärter gezählt werden.  

Ende 2017 schien das Projekt aber das erstmalig vor ernsthafte Probleme gestellt zu werden, denn dev1ce musste sich auf Grund gesundheitlicher Probleme einige Wochen vom aktiven Spielbetrieb zurückziehen und es war fraglich inwieweit er mit seiner alten Form zurückkommen würde. Das Jahr 2018 begann dann mit einem Hoffnungsschimmer, denn die AWP des Teams kam im Januar zurück in das aktive Roster und der Weg zurück an die Spitze war fest im Blick. Zu diesem Zeitpunkt war der Kampf um die CS:GO-Krone aber in vollem Gange. Das Superstar-Ensemble von FaZe hatte einen tollen Winter hinter sich und war der große Favorit auf den Titelgewinn in Boston. s1mple’s Na’Vi war ebenfalls seit dem Hinzustoßen von electronic zu einer gefährlichen Hausnummer geworden und die Mannen von Fallen, coldzera und fer sorgten weiterhin für einigen Wirbel.

Dass es kurz vor Ende diesen Jahres so klar sein würde, wer das Maß aller Dinge sein sollte, hätten damals aber wohl nur die Wenigsten gedacht. Aber hier stehen wir nun. Zehn Siege bei relevanten internationalen LANs, Intel Grand Slam Gewinner, Major-Champion und unzählige MVP-Awards für das Team um Coach zonic sprechen eine klare Sprache.

In den letzten Monaten wurden dann auch die Sprechchöre immer lauter, die sagen, Astralis sei das beste Team der CS:GO-Geschichte. Wenn nicht sogar von Counter-Strike überhaupt. Dies ist gewißermaßen bemerkenswert, sind die Dänen doch nicht gerade die Lieblinge der Fans. Hätte ein FaZe, Na’Vi oder SK solche Erfolge eingefahren, wäre die Diskussion vom Tisch und auch Nip’s “87-0” längst vergessen.

Woran liegt es also, dass man bei Astralis so lange gebraucht hat, um sich überhaupt mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dies könnte das beste Team aller Zeiten sein? Ich habe dazu etwas in meinem Kopf gekramt und habe folgenden Vermutungen.

Superstars vs. Teamleistung

Der erste Punkt ist sicher eine fehlende Sexyness, die Astralis umgibt. Während alle Welt im Vergnügen auf NiKo, coldzera und s1mple blickt, sticht bei den Dänen kaum ein Spieler heraus, der außerhalb des Servers die Blicke auf sich zieht. Nicht ganz unähnlich ist es aber dann auch auf dem Server. Natürlich hat das dänische Team ein herausragendes Team mit Clutchmeister Xyp9x oder einem dupreeh der aus meiner Sicht zu den Top5 in 2018 gehört. Es bleibt aber immer ein “Aber, …” übrig. Es fehlen schlicht die magischen Momente, die ein Twistzz, oder NiKo aus dem Hut zaubern und die eine Dominanz an den Tag legen können, die dem Zuschauer das Besondere des Erlebten vor Augen führen.

Kühler Kopf vs. Heißblut

Ein weiterer Punkt, der gut zum Thema Sexyness passt, ist die fast schon stoische Haltung des dänischen Squads. Auch die Jungs von Astralis freuen sich über einen Turniersieg, auch zonic brüllt mal in Richtung des Gegners, oft empfindet man die Reaktionen der Spieler eher als “Mund abputzen und weitermachen”. Dies ist ebenfalls kein “Fehler” der Spieler, diese scheinbare Emotionslosigkeit macht es dem Gelegenheitszuschauer aber umso schwerer, den Stellenwert einzuordnen. 

Teamwork & Rollen innerhalb der Mannschaft

Für den nächsten Punkt möchte ich etwas weiter ausholen. Wenn man heute beginnt CS:GO zu spielen oder zu schauen, könnte man meinen, dass bestimmte Konzepte und Ideen schon immer in der Community vorhanden gewesen sind. Besonders das System und die Rollenverteilung sind grundsätzlich etwas relativ Neues und dem Zuschauer, der in den 00er Jahren bereits Counter-Strike verfolgt hat, waren Begriffe wie Support und Entry-Fragger nicht zwangsläufig bekannt. Es gab und gibt zwar schon seit jeher – auch auf den unteren Levels – einen Spieler der die Taktiken ansagt. Der Rest des Teams war aber häufig gleichberechtigt und es wurden nur mäßige Anstrengungen unternommen bestimmte Aspekte in Spielern hervorzuheben.

Daher fand man damals in Foren sehr häufig den Wunsch wieder, einfach die fünf besten Spieler in einen Clan zu werfen und die Trophäen einsammeln zu lassen. In den letzten Jahren ist der Masse immer deutlicher geworden, dass man nicht nur fünf gute Aimer braucht, sondern auch Personen, die dafür sorgen, dass die besten Spieler auch die geeignetsten Spots spielen dürfen.

Auch wenn dieses Konzept in der Wahrnehmung der breiten Masse angekommen ist, so ist der Durchschnittszuschauer immer noch sehr weit weg, von den taktischen Finessen, welche die Weltelite an den Tag legt. Dies ist für mich daher auch einer der Hauptgründe, weswegen Astralis nicht die Anerkennung erhält, die es derzeit verdient. Schlicht und ergreifend, weil ein Großteil der Community nicht versteht, was es bedeutet über eine solch lange Zeit so konstant gut zu sein. Auch wenn sich in den vergangenen 15 Jahren immer wieder gezeigt hat, dass die individuelle Klasse der Einzelspieler das wichtigste Kriterium für ein Weltklasseteam ist, so wird doch aus meiner Sicht immer noch sehr unterschätzt, wie wichtig ein System ist, auf das man zurückgreifen kann.

Coaching & Umfeld

Zwei Bereiche, die immer wieder mit dem Thema Astralis in Verbindung gebracht werden, ist sind der Bereich des Coaching sowie das Umfeld aus Sportpsychologen, Ernährungswissenschaftlern und sonstigem “Personal”. Während ich der Meinung bin, dass der Bereich des Trainers immer noch unterschätzt wird, so halte ich die weiteren Komponenten ehrlich gesagt weniger relevant. Ich denke zwar, dass es durchaus nützlich sein kann, mit einem Psychologen zu arbeiten, dabei übernimmt er für mich aber eher die Rolle des Mentor bzw. desjenigen der “(Lebens-)Erfahrung” mitbringt und nicht, der das letzten Prozent auf dem Server rauskitzeln kann.

Der Trainer ist in den heutigen Zeiten ehrlich gesagt ein Muss und stellt für mich die rechte Hand des IGL dar und dieser ist wiederum die Unterstützung bei den Vorbereitungsarbeiten des Coachs vor den Matches. Auch wenn mir die genaue Einsicht natürlich fehlt, denke ich, dass gerade in den Bereichen Demoanalyse, Heatmaps, Utility-Einsatz noch sehr sehr viel gemacht werden kann. Gerade weil es für ein Team Spitzenteam wie Astralis eventuell eine Handvoll Mannschaften gibt, auf die man sich in dieser Form vorbereiten muss. 

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