Corona-Pandemie oder auch: Nutznießer Esport?

Wenn das keine verrückten Zeiten sind. Arbeitnehmer wechseln – falls möglich – ins Home Office, die Wirtschaft geht den Bach runter, die Fußball-EM wurde aufs nächste Jahr verschoben und die Menschen horten Nudeln und Klopapier als gäbe es kein morgen. Doch eine Industrie scheint von den Entwicklungen geradezu zu profitieren und damit meine ich nicht die Pharmazeutikbranche. Der Esport mit seinen online ausgetragenen Wettkämpfen scheint bisher nur wenige Auswirkungen zu spüren, ja fast von der Krise zu profitieren.

Twitch – der Spaß für die ganze Familie

Bevor wir die goldenen Zeiten ausrufen und die Branchenentwicklungen über den grünen Klee loben, müssen wir zunächst einige Einordnungen vornehmen. Esport ist als Teil des gesamten Bereichs “Home Entertainment” ein Gewinner der aktuellen Lage. Die Leute bleiben in Massen zuhause und machen es sich gezwungenermaßen auf Ihrem Sofa bequem. Was läge da näher als Netflix zu schauen, online zu shoppen und seinem Lieblingsstreamer zuzuschauen.

Der wettbewerbsorientierte Esport stellt eine Nische dar, der von den Entwicklungen aber nur in bestimmten Teilen profitiert. Denn durch die Professionalisierung der letzten Jahre, sind immer mehr Veranstaltungen in die Öffentlichkeit gerückt und somit ein Teil der Veranstaltungsindustrie geworden, die enorm unter den aktuellen Bedingungen leidet. Dadurch, dass sich verhältnismäßig leicht auf eine Online-Übertragung wechseln lässt, hat hier nicht nur mit dem Spielen selbst zu tun, sondern liegt auch an der bereits vorhandenen Infrastruktur.

Studios, Produktionsräume aber auch Caster und Spieler sind es gewohnt einen Teil des Wettbewerbs online abzuhalten und so sind die notwendigen Anpassungen aufseiten der Industrie derzeit überschaubar. Des Weiteren muss hier angemerkt werden, dass die Austragung in Stadien, Studios und Hallen oft wirtschaftlich alles andere als rentabel ist und somit ein großer Kostenblock für die Veranstalter wegfällt. Auf der anderen Seite sind es genau die medienwirksamen Bilder von Esport-Großveranstaltungen, die Marketing Manager großer Unternehmen anlocken und somit Geld in das System “Esport” pumpen.

Auf die Wettbewerbsaspekte möchte ich nur am Rande eingehen. Dass ein Online-Match nicht mit einer LAN-Partie vergleichbar ist, weiß jeder, der schon in einem Offline-Setting zu Maus & Keyboard (oder von mir aus auch Controller) gegriffen hat. Emotionen, Adrenalin, ungewohnte Umgebungen und die Zuschauer verändern die Situation fundamental, vom Ping ganz zu schweigen.

Die eigentlichen Gewinner sind dabei die Streaming-Plattformen selbst. Youtube und Twitch erfreuen sich wachsender Beliebtheit, die Vielzahl an Streamern erhält einen ungewöhnlich hohen Zulauf durch neue Zuschauergruppen und die Online-Übertragen müssen nicht mehr gegen “echte” Sportveranstaltungen konkurrieren. Goldene Zeiten also?

Wirtschaftliche Auswirkungen auf die Branche

Nicht so ganz, denn welche Auswirkungen die wirtschaftlichen Mechanismen auf die Industrie haben wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Dabei haben diese Veränderungen zweierlei Ebenen. Auf der einen Seite ist fraglich, ob eine Zuschauer seine Subscriptions und Donations aufrecht erhalten wird, wenn er befürchten muss seine Arbeit zu verlieren oder zumindest Gehaltseinbußen verzeichnen zu müssen. Dieser Effekt wird in den kommenden Wochen wohl erst richtig zum Greifen kommen und kann zum aktuellen Stand nur vage prognostiziert werden. Gerade durch die verhältnismäßig große Anzahl an jungen Zuschauern, stellt diese Entwicklung perspektivisch aber eine echte Gefahr dar.

Die zweite Ebene setzt bei den großen Veranstaltungen selbst an, wenn die großen Firmen aufgrund der wirtschaftlichen Schäden ihre Marketingbudgets kürzen müssen, können wir sicher sein, dass davon auch der Esport betroffen sein wird. Wie sicher die Beine sind auf denen die Turnierveranstalter stehen, müssen wir abwarten.

Verlierer des Esport

Die Schattenseite der aktuellen Entwicklungen sieht man an der großen Anzahl an Freiberuflern in der Branche. Vom Bühnenbauer, über die diversen Künstler und Designer bis hin zu den Leuten vor der Kamera. Der Wegfall etlicher Großveranstaltungen in den kommenden Monate, ist ein echter Schlag ins Kontor der Esport-Freelancer. Wir stehen noch ganz am Anfang der Krise und die Entwicklungen sind derzeit nur zu erahnen. Die junge Branche zeigte sich in den letzen 15 Jahren als sehr volatil. Seit dem Ende der CGS im Jahr 2008 ist den Verantwortlichen die Schnelllebigkeit und Abhängigkeit von externen Geldgebern durchaus bewusst. Hoffen wir, dass ab der zweiten Jahreshälfte die Veranstaltungen wie gewohnt abgehalten werden können und der Esport wieder zur Normalität zurückfinden kann.

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