Karrierekiller Militärdienst

Kaum eine Woche ist es her, dass sich Dream und DongRaeGu die ersten beiden Plätze in Gruppe D der 2. Season der GSL in 2020 gesichert haben. Auf dem Weg dorthin konnten sOs und Dear in die Schranken gewiesen werde, die nun den Rest des Turniers über Afreeca TV verfolgen müssen. Sowohl Dream als auch DRG sind bekannte Namen in der Szene und konnten in Heart of the Swarm respektive Wings of Liberty ihre größten Erfolge feiern. Dies bringt uns auch schon dem Kern der Sache näher. Denn nicht nur haben es die beiden Herren nach Jahren wieder unter die besten 16 der GSL geschafft, sondern auch schon ihren Militärdienst hinter sich gebracht.

Kleiner Exkurs: In Korea gilt die Wehrdienst als einer der vier Pflichten eines jeden (männlichen) Südkoreaners – daneben gehören Bildung, Arbeit und das Entrichten von Steuern zu ebenjenen Anforderungen. Jeder Koreaner kann sich ab dem 18. Lebensjahr freiwillig verpflichten, das offizielle Einberufungszeitalter liegt aber zwischen 20 und 30 Jahren. Die Dauer des Wehrdienst variiert innerhalb der Streitkräfte, mit etwa 18 Monaten muss man aber derzeit mindestens rechnen.

Lange war man davon überzeugt, dass man nach der Wehrpflicht nicht wieder an die alte Stärke vor der Einberufung anknüpfen könne. Viele der einmal in Rente gegangenen Pros versuchten es dann auch gar nicht noch einmal. Diejenigen die zurückkamen um ihr Glück erneut zu versuchen, scheiterten oft an den eigenen Erwartungen. Gründe dafür gibt es sicherlich viele, darauf werde ich gegen Ende der Artikels noch kurz eingehen. Werfen wir also einen Blick auf die “Erfolge” der ehemaligen Kadetten.

Erfolgsparameter

Bevor wir uns mit dem Erfolg oder Misserfolg beschäftigen können, müssen wir einen Blick auf die Parameter legen welche in die Auswahl eingeflossen sind. Zunächst habe ich mir die Aligulac-Preisgeldliste vorgenommen und unterhalb von $ 100.000 einen Strich gezogen (Sorry Cure, $96.000 ist leider nicht genug). Dann habe ich überprüft, welcher dieser Spieler bereits seinen Militärdienst absolviert hat und sich im Nachgang nochmal an Maus und Tastatur traute. Erstaunlicherweise war die Zahl der “echten” Rückkehrer deutlich kleiner wie vorab erwartet.

Insgesamt haben bisher 48 Koreaner die magische Grenze von $ 100.000 Preisgeld überschritten. Lediglich 17 der 48 Kandidaten sind bisher noch nicht in den Ruhestand gegangen (Rogue, Maru, Dark, INnoVation, TY, sOs, soO, Stats, Zest, PartinG, ByuN, Solar, Dear, Trap, aLive, Patience, Creator). Weitere 24 Pros befinden sich aktuell im Militärdienst oder haben es danach gar nicht erst noch einmal versucht an die Weltspitze zu kommen (Classic, Mvp, herO, NesTea, Leenock, HyuN, Rain, Jaedong, GuMiho, MarineKing, TRUE, viOLet, ForGG, Soulkey, PuMa, Hydra, jjakji, StarDust, San, ByuL, Fruitdealer, Losira, sowie die Sonderfall Life & YoDa). Einige haben zwar ein paar Online-Cups mitgespielt oder sich im Streaming versucht, aber nur wenige haben es sich ernsthaft zur Aufgabe gemacht wieder um Titel mitzuspielen. Damit bleiben lediglich sieben Spieler übrig, die den Weg zurück ins Progaming gewagt bzw. geschafft haben.

Erfolglose Rückkehrer (Polt & HerO)

“Captain America” ging 2016 seinen bürgerlichen Verpflichtungen nach und begann Mitte 2019 erneut mit dem Streaming. In diesem Jahr spielte er einige ESL Open Cups und nahm auch an der IEM Katowice teil, bei der er sang- und klanglos unterging. Fast genauso erfolglos war der ehemalige Team Liquid Protoss HerO, der ebenfalls seit 2019 wieder an dem ein oder anderen Online-Turnier teilnimmt und sogar einen ESL Open Cup gewinnen konnte. Darüber hinaus, kam jedoch kaum Nennenswertes zusammen.

Code S is the Limit (Bomber, MMA, MC)

Bomber konnte sich nach seinem Militärdienst gleich zweimal für eine Code S qualifizieren (GSL 2019 Season 3, GSL 2020 Season 1). Abgesehen von diesen beiden Erfolgen, gab es in den letzten 1,5 Jahren kaum Zählbares – über die ASUS ROG in Finnland schweigen wir am besten komplett. Bereits einige Jahre zurück liegt das kurze Comeback von MMA, der in den ersten Monaten von 2018 etwas aktiver war und seine vorerst letzen Matches in der GSL 2018 Season 3 hatte. Auch für den BossToss reichte es 2019 lediglich für ein kurzes Intermezzo in der koreanischen Königsklasse (GSL 2019 Season 1), darüber hinaus musste sich selbst ein MC dem hohen Niveau geschlagen geben.

Hoffnungsträger (Taeja, DongRaeGu)

Eine ganz passable Rückkehr hat bisher Taeja hingelegt, im Sommer des letzten Jahres zurückgekommen, konnte er bisher an drei aufeinander folgenden GSLs teilnehmen (GSL 2019 Season 3, GSL 2020 Season 1 &2) und sogar einmal in die Top16 vorrücken. Eine Playoff-Teilnahme am HSC 20 runden das Bild ab. Ebenfalls drei GSL-Spielzeiten kann DongRaeGu vorweisen (GSL 2019 Season 2, GSL 2020 Season 1&2) und in der laufenden Spielzeit ist sogar noch eine Playoff-Platzierung drin. Als weiterer nennenswerter Erfolg kann er einen 13.-16. Platz bei der TSL 5 präsentieren.

Sonderfälle (Dream, Armani)

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ein Name in der Aufzählung gefehlt hat – Dream. Obwohl der Terraner ein erfolgreiches Jahr 2015 hatte (zwei 2. Plätze in der SSL und eine Halbfinalteilnahme im Kespa Cup), liegt er noch unter den Preisgeldgrenze von $100.000. Die Zeit nach seinem Militärdienst war bisher zwar ganz erfolgreich (3x GSL Code S, 1x GSL Supertournament 9.-16.), so richtig mag er aber nicht in die Liste der erfolgreichen Spieler passen.

Eine tatsächliche Weiterentwicklung lässt sich bei Armani erkennen. Der Zerg ist mit seinen 24 Jahren sehr jung dafür, dass er bereits seinen Militärdienst beendet hat. Seitdem zeigt er, dass er über das notwendige Potential verfügt einen guten Lauf in einem Turnier zu haben. Vier GSL Teilnahmen in Folge und solide Platzierungen bei der IEM Katowice und dem GSL Super Tournament lassen hoffen.

Schwierigkeiten bei der Rückkehr

Es lässt sich eine Vielzahl an Gründen finden, warum eine Rückkehr so schwer fällt oder gar nicht erst in Erwägung gezogen wird. In keiner spezifischen Reihenfolge sehe ich folgende Punkte als Ursachen für den ausbleibenden Erfolg:

  • Fehlendes Interesse
  • Start in ein “normaleres” Leben
  • Sozialer Druck
  • Zu großer Rückstand / Weiterentwicklung des allgemeinen Niveaus
  • Langsamere Reaktionen
  • Job als Streamer / Personality / Caster etc.

Trotz knapp zehn Jahren StarCraft 2 hat es bisher noch kein ehemaliger Champion geschafft, sich erneut einen relevanten Titel zu erspielen oder zumindest in die Nähe zu kommen. Es muss also was dran sein, wenn behauptet wird – “Der Militärdienst ist Karrierekiller”.

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